Kampfkunst ist nicht Kunstkampf

Kampfkunst ist nicht Kunstkampf

von Arndt J.

Vom 31. Oktober bis 1. November 2020 fand in Hamburg das 8. Taekwon-Do Hyong Seminar unter Leitung von Großmeister Kang, Shin-Gyu statt. Ich habe mich im Vorfeld gefragt, wie wohl ein Hyong Seminar sinnvoll konzipiert sein kann, wenn alle Graduierungen ab dem 8. Kup teilnehmen. Für alle, die sich eine ähnliche Frage für das kommende 9. Hyong Seminar stellen oder die sich dafür interessieren, welche Erkenntnisse man aus dem 8. Hyong Seminar ziehen kann, habe ich die nachfolgenden Zeilen geschrieben.

Zu Beginn meiner Taekwon-Do-Karriere verstand ich Hyongs primär als Folge von Einzeltechniken, die man auswendig können musste, um die nächste Prüfung bestehen zu können. Und tatsächlich bin ich die Hyongs wohl auch entsprechend „gelaufen“, mit der primären Motivation, dem Beobachter zu signalisieren, dass man in etwa weiß, welche Technik auf welche folgt.

Meine Motivation hat sich erfreulicher Weise einigermaßen schnell geändert, auch weil die Hyongs für mich als reine Auswendiglernaufgabe zeitweise super nervig waren. Nun geht es mir vom Bewusstsein her primär darum – man möge mir an dieser Stelle meine wenig kunstvolle Ausdruckseise verzeihen – möglichst viele meiner virtuellen Gegner „platt zu machen“. Ein Bewusstsein, das für mich im Übrigen tatsächlich sehr gut zu den Inhalten des Hyong-Seminars passte.

Denn so habe ich eine wesentliche Zielsetzung des Hyong Seminars verstanden: Besser kämpfen können. Wobei „besser“ hier meint: So schön wie möglich, aber unbedingt effektiv. Bei Vollkontakt-Kampfsportarten ist es relativ leicht festzustellen, wer effektiv gekämpft hat. Bei kontaktlosen Kampfkünsten wie dem traditionellen Taekwon-Do ist dies ungleich schwieriger. Hier braucht es neben der Kraft der Muskeln auch die Kraft der Imagination.

Nutzt man diese Kampfsituations-Imagination bei Hyongs, kann die Qualität der Hyongs dramatisch viel besser werden. Interessanter Weise werden auch die Bewegungen an sich natürlicher. Denn wenn sich die Motivation einer Bewegung weg von der „Erfüllung eines theoretischen Konstrukts“ hin zu einer „effektiven Bewältigung einer Kampfsituation“ ändert, nimmt man mit der Zeit automatisch alle willkürlichen und unwillkürlichen Artefakte aus der Bewegung heraus.

Gleichwohl wird man als Rückkoppelung auch feststellen, dass einige Techniken der Hyongs hinsichtlich einer effektiven praktischen Anwendung fragwürdig sind. Denn Taekwon-Do ist eine Kampfkunst und unterscheidet sich von Kampfsportarten in Bezug auf die Techniken unter anderem dadurch, dass Basis-Techniken gelehrt werden, die in ihrer Reinform teilweise nicht sinnvoll bzw. effektiv im Kampf anwendbar sind. Das ist jedoch auch nicht der Zweck der Basistechniken. Vielmehr liefern sie die notwendigen sensomotorischen Grundlagen, die notwendige Form, um darauf aufbauend effektive Kampftechniken ausführen zu können.

Großmeister Kang hat anhand zahlreicher Beispiele leicht modifizierter Hyong-Basistechniken eindrucksvoll bewiesen, wie sinnvoll und höchst effektiv diese sein können. Entsprechend ist der nicht selten zu beobachtende Ansatz, Basistechniken dadurch zu legitimieren, indem man sich kurioseste Erklärungen wie „Gegner greift mit Fußtritt und Faust gleichzeitig an“ oder „Faust stützt Ellenbogen“ zurecht bastelt, zwar pragmatisch aber auch fragwürdig.

Eine weitere wesentliche Erkenntnis aus dem Hyong Seminar ist: Atmen ist super kompliziert.

Wenn man eine Hyong wirklich „kampfmotiviert“ umsetzen will, heißt das: „100% Energie in jede Technik“. Um dieses 100%-Niveau möglichst lange halten zu können, ist eine entsprechende Atemtechnik zwingend erforderlich. Die Atmung mit der Bewegung allein für eine Hyong perfekt zu synchronisieren, halte ich persönlich für erheblich schwieriger als alle Hyongs vorwärts, rückwärts und gespiegelt auswendig zu können. Denn neben dem Timing geht es auch noch um die Dosierung des Lungenvolumens, das je nach Einteilung einer Kampfsequenz innerhalb einer Hyong angepasst werden muss. Vor jeder imaginären Kampfsequenz muss man sich also nicht nur die Bewegungsdramaturgie, sondern auch den „Atmungsplan“ vorher „überlegen“. „Überlegen“ schreibe ich hier in Anführungszeichen, weil die Entwicklung eines „Atmungsplans“ dem imaginären Gegner einen wohl nicht mehr einholbaren Zeitvorteil verschaffen würde.

Denn natürlich kann dies kein rationaler Prozess sein, sondern muss vielmehr automatisch mit der Entscheidung für eine Kampfsequenz fest verbunden, also unwillkürlich, sein. Um derart komplexe integrierte Körperfunktionen ins unwillkürliche zu überführen, braucht es sehr viel Übung und gute Übungstechniken. Die Differenzierung von Atmungsimpulsen und Kampfschreien in diesen Sequenzen ist eine der wesentlichen Übungstechniken. Auch dies haben wir über zwei Tage immer wieder in einer von uns selbst gewählten Hyong geübt. Die Analyse unserer Fortschritte per Videoaufzeichnung zeigte einerseits, dass es tatsächlich Fortschritte gab, bestätigten jedoch auch, dass es für ein wirklich gutes Ergebnis sehr viel mehr Übung bedarf.

Zusammenfassend war das 8. Hyong Seminar derart konzipiert, dass alle Graduierungen viele neue grundlegende Aspekte zum Thema „Hyong“ lernen sowie konkrete Übungstechniken mitnehmen konnten. Es ging nicht etwa darum, eine neue Hyong zu lernen. Vielmehr vermittelte das Hyong Seminar die Erkenntnis, dass jede Hyong, wenn sie präzise geübt und später als imaginärer Kampf interpretiert wird, eine exzellente Grundlage für effektive Kampftechniken sein kann.

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