Gedanken über das Taekwon-Do Hyong Seminar, 2. – 4. November 2018

Am Wochenende des 2.-4.11.2018 veranstaltete Meister Kang ein intensives Seminar mit insgesamt sechs Trainingseinheiten, in dessen Mittelpunkt die Hyongs standen. Die ca. 30 Teilnehmer kamen überwiegend aus Hamburg, aber auch aus Kiel, Berlin, Dortmund und sogar Malmö. Am Freitag Abend wurde das Seminar eröffnet durch einen Vortrag von Prof. Dr. med. Yong-Seun Chang-Gusko zum Thema Taekwon-Do und Achtsamkeit. Interessant war in der anschließenden Diskussion unter anderem die Frage, inwiefern beim Laufen einer Hyong bei einzelnen Bewegungen, oder in den Pausen dazwischen, Achtsamkeit wichtig ist.

Anschließend wurden bei der ersten gemeinsamen Trainingseinheit alle Hyongs (1-19) gemeinsam gezählt, von jeder Teilnehmerin / jedem Teilnehmer bis zu ihrer/seiner jeweils höchsten Hyong. Die Hyongs zu zählen, mag als eine einfache Aufgabe erscheinen, es ist in jedem Fall die Grundlage ihres Erlernens und ihrer Beherrschung. Umso erstaunlicher war, daß es immer wieder zu Unsicherheiten und Unstimmigkeiten kam. Hier zeigte sich der Unterschied zwischen „Hyong laufen“ und „Hyong beherrschen“. Jeder Taekwon-Do-Schüler kann mehrere Hyongs, je nach seiner Graduierung, ungefähr oder irgendwie laufen. Wer jedoch Taekwon-Do nachhaltig betreiben will, darf die Hyongs nicht als unverbindliche Bewegungstherapie verstehen. Er muß sie vielmehr als Vorbilder exemplarischer Bewegung, Haltung und innerer Einstellung ernst nehmen und respektieren. Dies beginnt mit der richtigen Zählung der einzelnen Bewegungen und dem Verständnis darüber, wie diese aufeinander folgen und ineinander übergehen.

Am nächsten Tag (Samstag) ging das Seminar weiter mit einer weiteren Zähl-Einheit und mit einer Trainingseinheit, die vor allem auf technische Einzelheiten einiger Hyongs einging. Nach der Mittagspause (und dem Besuch einer Koreaausstellung durch einige Teilnehmer) stand dann ein Seminar mit Anwendungsbeispielen und Partnerübungen auf dem Programm. Die Anwendung der Hyongs richtete die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf die in jeder Hyong enthaltenen Elemente des Kampfes bzw. der Selbstverteidigung. Diese Elemente sollten eigentlich selbstverständlich sein, denn Taekwon-Do ist ja eine Kampfkunst. In der Routine des Trainings, und bedingt durch die Herausforderungen der Hyong-Choreographien, gerät jedoch der Kampfcharakter der Hyongs oft etwas aus dem Blickfeld. Deshalb verschaffte diese Trainingseinheit mir (und sicher den meisten anderen Teilnehmern) viele neue, überraschende Einblicke in den Charakter der Hyongs, vor allem bei der 4. und 6. Hyong.

Das Beherrschen der Hyongs steht im Zentrum des traditionellen Taekwon-Do. Die Hyongs sind sehr vielfältig und beinhalten vielerlei Aspekte. Von außen betrachtet, handelt es sich um „Schattenboxen“, um die Choreographie eines simulierten Kampfes gegen unsichtbare Gegner. Neben choreographischen und kämpferischen Elementen enthalten die Hyongs jedoch auch Elemente des Tanzes, der Akrobatik, der Selbstbeherrschung und der Selbstüberwindung. Die Choreographie der Hyongs definiert und begrenzt den Raum, in dem man sich bewegt. Somit zwingt die Hyong den Kämpfer, sich räumlich zu begrenzen. Indem man die Regeln der Choreographie genau erlernt und – im Idealfall – beherrscht, überwindet man jedoch das Ungefähre der menschlichen Bewegung: man beherrscht die Choreographie, den Raum, und schließlich sich selbst.

Die Hyongs wirklich zu beherrschen, angefangen vom richtigen Zählen, über einen flüssigen Bewegungsablauf bis hin zu einer stimmigen und überzeugenden Vorstellung mit Kraft, Rhythmus, Schnelligkeit und Exaktheit, kann man als eine Lebensaufgabe betrachten. Das Taekwon-Do ist in diesem Sinne eine Schule des Lebens, in der die Hyongs die wichtigsten Stufen oder Schritte auf dem Weg des Erwerbs von Kraft, Schnelligkeit, Klarheit etc. darstellen. Jeder Schüler muß hier seine Grenzen erkennen und versuchen, sie nach und nach zu verschieben.

In der nächsten, der fünften Trainingseinheit (Sonntag Morgens) konnte jeder Schüler seine eigene Hyong aufnehmen und im Rahmen einer Videoanalyse sich selbst beim Laufen der Hyong beobachten und bewerten. Hierbei lernte (fast) jeder Schüler die Demut kennen, denn in der eigenen Wahrnehmung hält man die eigenen Hyong-Vorführungen meist für besser, als sie in Wirklichkeit sind (dies gilt zumindest für den Schreiber dieser Zeilen). Seit langem eingeschliffene Fehler und Unzulänglichkeiten erkennt man in brutaler Schärfe, wenn man sich auf dem Bildschirm sieht. Aber selbst wenn man die eigenen Fehler klar erkennt, kann der Weg bis zu ihrer Beseitigung noch ein weiter sein.

Die sechste und letzte Trainingseinheit (Sonntag Mittags) mit Wiederholungen und nochmaligem Zählen rundete dieses sehr interessante Seminar ab, das viele Teilnehmer weitergebracht hat. Einige Tage später hat der Alltag einen jedoch wieder eingeholt, man muß die gelernten Dinge wieder mühsam rekonstruieren: ein nie aufhörender Lernprozess.

Autor: Prof. Dr. Ludwig Paul

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